Vor einigen Tagen veröffentlichte Die Zeit den Gastbeitrag Auch Geimpfte müssen Opfer bringen von Volker Boehme-Neßler, der einige meiner bis dato sehr diffusen Gedanken auf den Punkt brachte. Nicht nur Freiheit ist ein im Grundgesetz verankertes Gut, sondern auch

das Ziel, Zerreißproben der demokratischen Gesellschaft zu vermeiden, das grundlegende Gerechtigkeitsgefühl zu schützen und den demokratischen Spirit zu stärken, liegt im Interesse der Allgemeinheit. Die Politik darf also – wenn es erforderlich ist – Grundrechte einschränken, um dieses Ziel zu erreichen.

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Kaum nähert sich die sog. Boomer Generation langsam der Priorisierung für die verfügbaren Impfstoffe an, wird wie selbstverständlich der Debatte über Lockerungen für geimpfte erlassen. Wer versucht, dagegen zu sprechen, wird schnell mit dem Label “Impfneid” beiseite geschoben und der Verweis auf das Grundgesetz liegt nahe. Die Koinzidenz der Vehemenz der Debatte und der Nähe dieser Generation zu ihrer Impfung ist dabei nur schwer als zufällig zu erachten.

Doch diese Öffnungsdebatte zum Vorteil der geimpften ist nun zugleich in zweifacher Hinsicht unsolidarisch, denn die jungen Generationen haben im letzten Jahr einerseits zum Schutz der älteren Risikogruppen auf ihre Freiheiten verzichtet und sich andererseits im zweiten Schritt bei der Vergabe von Impfstoffen ohne große Proteste hinten angestellt.

Der öffentliche Diskurs, der natürlich nun von den älteren Generationen forciert wird (denn diese Generation sitzt aktuell in der Politik, wie auch in den Redaktionen in den meisten Entscheidungs-Positionen), geht zuletzt nun kaum noch auf diese einseitige Verweigerung von Solidarität ein, dreht sich lediglich noch um das “wie schnell” können die Privilegien eingeräumt werden. Wer versucht, den Diskurs in diese Richtung zu lenken, wird mit der Stärkung der Wirtschaft bombadiert. Bei der Gelegenheit: Absolut Niemand hat im letzten Jahr versucht, die Argumentation den jüngeren, weniger gefährdeten Generationen doch ihre Freiheiten zum Wohle der Wirtschaft zu lassen, zu vertreten.

Es ist frustrierend, diesen Missstand zu verfolgen, zumal nur kurz nach einem Richtungsweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, dass ebenjene Einbahnstraße der Generationen jüngst im Bereich des Umweltschutzes missbilligte.

Es bleibt die Frage zurück: Wenn die Risikogruppen nun geimpft und somit geschützt sind, was die Debatte der Öffnungen nun ja nahelegt und für die wir alle im Vorjahr unsere Freiheiten aufgegeben haben, warum sollen dann aktuell einseitig nur jene Risikogruppen Freiheiten zurück erlangen? Wenn die Politik zur Einsicht kommt, dass diese Gruppen nun geschützt sind, so müsste ein möglicher Schluss doch nun lauten: Lasst alle Einschränkungen fallen.

Ein letzter Gedanke hierzu: Von Beginn an stand im Zentrum aller Maßnahmen das Ziel, die Intensivstationen vor der Überlastung und einer möglichen Triange zu schützen. Sollten Lockerungen und Verschärfungen daher unter oben aufgeführten Überlegungen von nun an weniger an Impfung und Nicht-Impfung und mehr an dieser Auslastung der Stationen festgemacht werden? Sind die Stationen stark frequentiert, werden Bereiche des öffentlichen (und dann bitte auch wirtschaftlichen) Lebens sukzessive heruntergefahren. Entspannt sich die Lage, wird geöffnet.

Es verlaufen aktuell viele Achsen durch unsere Gesellschaft. Alt vs. Jung, Künstler, der seiner Arbeit nicht nachgehen darf vs. Angestellter in Industrie und Dienstleistung, dem es weiterhin erlaubt ist zu arbeiten, links vs. rechts, liberal vs. konservativ…. Keine dieser Achsen macht unser Leben besser oder einfacher. Stattdessen sollte es doch darum gehen, unsere Gemeinsamkeiten zu erkennen und gemeinsam an den Problemen dieser Zeit zu arbeiten. Und nicht den besten Vorteil für mich selbst um jeden Preis durchzudrücken.

Das wäre Solidarität.